Weser Kurier Bremen, 17.06.2007

MIKROKOSMOS SOZIALER REALITÄT IN ÄGYPTEN

Alaa Al-Aswanis grandioser, hochaktueller Kairo-Roman

 

von Inge Zenker-Baltes

In der Kairoer Buchhandlung »Diwan« herrscht erwartungsfrohes Stimmengewirr. Fernsehkameras und Mikros werden aufgestellt, gleich wird der Bestsellerautor Alaa al-Aswany sein neues Buch »Chicago« vorstellen. Als er dann, wie in Kairo kaum anders möglich, reichlich verspätet erscheint, wird er mit begeistertem Beifall begrüßt. Auch mit diesem neuen Roman hat sich al-Aswani in die Herzen seiner Leser geschrieben. Die lieben ihn, finden den Mann und seine Bücher grandios. 

Furore hat der immer noch praktizierende Zahnarzt 2002 mit seinem Roman »Der Jakubijân Bau« gemacht, nach dem Koran in der arabischen Welt der Bestseller schlechthin.

Schon kurz nach seiner Veröffentlichung diente das Buch als Vorlage für einen spektakulären Film, der bereits 2005 auf dem Berliner Filmfestival sowie in Zürich, Cannes und New York vorgeführt wurde, bevor er in die ägyptischen Kinos kam.   

Freizügig zeigt er Sexualität in all ihren  Spielarten, Gewalt und selbst Folter. Es müssen die Kontrollorgane ein gerüttelt Maß an liberaler Auslegung von Vorschriften aufgebracht haben, als sie diesen hochkarätig besetzten Streifen, zugleich teuerste arabische Produktion aller Zeiten, fast unzensiert in die Kinos ließen. Dazu hat wohl auch der Druck der Filmschaffenden beigetragen, die in Zeitungsanzeigen auf den Ruf Ägyptens als Land der Meinungsfreiheit verwiesen.

Soeben erschien im Schweizer Lenos Verlag endlich die deutsche Ausgabe des Romans  – ein mutiges, inhaltlich wie sprachlich kraftvolles  Buch. Es spielt vor der grandiosen Kulisse des 17-Millionenmolochs Kairo in einem heruntergekommenen Art-Déco-Haus von Downtown, dem quirligen Herzen der Stadt. Das vom armenischen Millionär Jakubijân erbaute Gebäude gibt es tatsächlich, und seine fiktiven Bewohner sind exemplarisch für das heutige Ägypten in all seiner Zerrissenheit und dem immer größer werdenden Abstand zwischen Arm und Reich, zwischen Mächtigen und Unterprivilegierten.

Eine ehemals wohlhabende Elite und ein paar Neureiche residieren in den einst prunkvollen, großzügig geschnittenen Wohnungen, während auf dem Dach Arme kampieren und ihr klägliches Dasein fristen.

al-Aswani begleitet seine Protagonisten zur Zeit des Golfkrieges der neunziger Jahre durch persönliche Krisen: Da ist der gealterte Playboy, der zeitlebens nach der großen Liebe sucht und nun endlich meint, sie in der schönen Buthajna gefunden zu haben. Die aber wird von ihrem Arbeitgeber zu sexuellen Dienstleistungen herangezogen. Da ist ein schwuler Journalist, der an einer komplizierten Liebesbeziehung zugrunde zu gehen droht.  Und der junge vielversprechende Taha driftet, als man ihn seiner geringen Herkunft wegen nicht Polizist werden lässt, ihn foltert und vergewaltigt, in den Terrorismus ab.

Der Autor zeichnet die Charaktere mit großer Intensität, schildert Schicksale von Ausbeutern und ihren Opfern, erzählt vom menschlichen Miteinander, das durch Laster und Machtmissbrauch gekennzeichnet ist, aber auch lebenswerte Momente hat. Aus vielen Mosaiksteinchen setzt al-Aswani einen ebenso abstoßend-trostlosen wie gleichzeitig anrührenden Mikrokosmos sozialer Realität in Ägypten zusammen.

Dem vornehmen wie dem schmutzigen Kairo leiht er seine Stimme, umreißt in kühnen Metaphern viele tabuisierte Themen, beschreibt das Geschehen farbenfroh, sinnlich, ja glutvoll, und hält seinen breitgefächerten erzählerischen Spannungsbogen bravourös bis zum optimistischen Ende durch. 

Wenn al-Aswani der ägyptischen Gesellschaft mit ihren sozialpolitischen Misständen und ihrer Heuchelei den Spiegel vorhält, will er keinesfalls ein politisches Pamphlet verfassen. Zu jeder Zeit stehen die Menschen im Brennpunkt, ihnen gibt der Autor mit seiner Zuwendung ihre Würde zurück, die sie meinen, längst verloren zu haben. 

Noch ist Alaa al-Aswani hierzulande ein echter Geheimtipp. Doch soviel ist sicher, nach der Herausgabe seines wunderbaren Buches wird sich das schnell ändern. Denn abgesehen vom niveauvollen Unterhaltungswert hat der Roman die Funktion eines Brückenschlags zur ägyptischen Welt und damit zur arabischen insgesamt, er hilft uns dabei, diese nicht länger als bedrohlich und fremd zu empfinden und Gegensätze weiter abzubauen.

» zurück