| Badische Zeitung, 5.5.2007
Amokläufer der Liebe
Von Hartmut Buchholz
Der Jakubijân-Bau, so wird es mit aller wünschenswerten topographischen
Genauigkeit mitgeteilt, liegt im Zentrum der Kairoer Innenstadt in bester
Lage an der Sulaimân-Pascha-Straße, in unmittelbarer Nähe
der Behlerpassage – ein zehngeschossiger, weitläufiger Prachtbau
aus den 30er-Jahren im neoklassizistischen Stil, »ein architektonisches
Juwel«, mit dem sich der Millionär Hagop Jakubijân
seinerzeit ein imponierendes Mahnmal errichtete.
Dieser titelgebende Jakubijân-Bau ist in Alaa al-Aswanis Roman
das Kristallisationszentrum allen Geschehens, Wohnort oder Arbeitsstätte
eines buntscheckigen fiktiven Personals, das das riesige Anwesen mit
vibrierendem Leben erfüllt, der magnetische Kern eines vielstimmig
mäandernden, gleichwohl präzise komponierten Erzählens.
Mehr noch – dieses Gebäude ist der Spiegel eines halben Jahrhunderts
ägyptischer Geschichte und zugleich eine Art Soziogramm des modernen
Kairo.
Alaa al-Aswani, 1957 in eine liberale Mittelklassefamilie geboren, Absolvent
des französischen Gymnasiums in Kairo, in den späten 80er-Jahren
Student der Zahnmedizin in den USA, lebt heute als Zahnarzt mit eigener
Praxis, Journalist und Schriftsteller in Kairo; sein Vater betrieb im
real existierenden Jakubijân-Bau eine Anwaltskanzlei, er selbst
hatte dort die erste Praxis.
In Ägypten hat der Autor mit seinem Debüt in deutscher Übersetzung
(der Basler Lenos Verlag spricht vom »meistbeachteten Bestseller
der zeitgenössischen arabischen Literatur«; al-Aswani hat
bisher außerdem drei Sammlungen mit Kurzgeschichten und einenweiteren
Roman publiziert) einen sensationellen Erfolgscoup gelandet, der Roman
wurde als schonungsloses Sittengemälde hymnisch gefeiert oder als
skandalös unislamischer Schlüsselroman vehement abgekanzelt,
die Verfilmung mit Starbesetzung und Starbudget, auf den Festivals in
Berlin, Cannes und New York ein Ereignis, schuf zusätzliche Publicity,
das Buch, in den Feuilletons ausführlich gewürdigt, rangierte
monatelang in den europäischen Bestsellerlisten.
Al-Aswani, durchaus in der Tradition eines Nagib Machfus, konstruiert
seinen »Jakubijân-Bau« in einem geradezu altmeisterlich
realistischen Erzählergestus mit der ganzen Autorität eines
auktorialen Erzählers, zugleich aber mit unübersehbaren Anleihen
an die modernen Techniken literarischer Montage.
Ein halbes Jahrhundert ägyptischer Geschichte
So gelingt ihm, Effekt eines eminent filmischen Erzählens, eine
eindrucksvolle Choreographie seiner Figuren – Kombinatorik als
Ergebnis einer literarisch-filmischen Schnitttechnik, die souverän
Suspense aufbaut und demWerk einen unwiderstehlichen Sog, eine enorme
atmosphärische Dichte verleiht. Al-Aswanis Figuren sind überdeutlich
als Typen angelegt, Stellvertreter aller Schichten, Regionen, Milieus,
Charaktere und Lebensalter des zeitgenössischen Ägypten; die
Meisterschaft des Romanciers zeigt sich darin, dass das Personal des
Buches über die Stellvertreter-Funktion des Typus hinaus stets
so viel persönliches Volumen, so viel individuelles Relief gewinnt,
dass die Akteure für den Leser unverwechselbare, ja unvergessliche
Gestalten werden.
Von einer, freilich aggressiven und zynischen, »Festschrift zum
fünfzigsten Geburtstag der Julirevolution Gamal Abdel Nassers und
seiner Mitstreiter bzw. seiner Nachfolger« spricht der Übersetzer
Hartmut Fähndrich in einem klugen Nachwort. In der Tat findet sich
ein halbes Jahrhundert ägyptischer Geschichte – der ideologisch
verknöcherte Staatssozialismus unter Nasser, die Jahre der Öffnung
unter Sadat, der Politbeton der Einparteiendemokratie unter dem Autokraten
Mubarak – im »Jakubijân-Bau« wie in einem Prisma
gespiegelt. Die allgegenwärtige Korruption, »die Gibund-nimm-Ordnung«,
das Erstarken fundamentalistischer Agitatoren, die gewissenlose Instrumentalisierung
des Islam zu machtpolitischen Zwecken – in diesem Roman kann man
eine Menge lernen über die inneren Triebkäfte arabischer Zivilisationen
im Zeitalter von al-Qaida. »Sex, Korruption und Religion«,
an diese »Triade des Tabus«, so Fähndrichs hellsichtige
Diagnose, hat al-Aswani gerührt – und dies in einer im arabischen
Raum seltenen Kompromisslosigkeit.
Die Bewohner des Jakubijân-Baus sind fast alle vom Trauma eines
Verlustes erschüttert, sie versuchen, zwischen zerriebener Tradition
und schon verlorener Zukunft, sich in einem Nirgendwo von Gegenwart
einzurichten, sie sind haltlose, entwurzelte, sich selbst entfremdete
Glückssucher, Gefühlskrüppel, getrieben von unstillbarer
Gier nach Leben oder nach jenen Chimären, die sie, oft wahre Amokläufer
der Liebe, für das Leben halten. Alaa al-Aswani sind einige Figurenporträts
von erschütternder Eindringlichkeit gelungen: Saki Bey etwa, alternder
Schwerenöter aus enteignetem ägyptischen Landadel, gegen den
die eigene Schwester ein Entmündigungsverfahren betreibt.
Oder Buthaina al-Sajjid, eine junge Frau, die in der schmierigen Macho-Welt
ägyptischer Geschäftsleute zu überleben lernt. Oder Taha
al-Schâsli, ein hochbegabter Schulabsolvent, der als Sohn eines
Türhüters trotz glänzender Zeugnisse keine Chance hat,
die Polizeilaufbahn einzuschlagen und in den islamistischen Untergrund
abdriftet. Oder Hatim Raschid, homosexueller Chefredakteur einer französischen
Zeitung, der sich den Rekruten Abduh als Sexualpartner hält –
eine Liaison, die eine Katastrophe heraufbeschwört. Oder die anderen
Strippenzieher, Emporkömmlinge, Hassprediger. Und dazwischen die
Porträts derjenigen, die Opfer jener Eliten sind, die in einem
rechtsfreien Raum operieren – die Opfer derer, denen »dieses
Land gehört«. Offenbar wurde der Roman verstanden, denn »dieses
Land« ist nicht nur Ägypten.
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