Interview mit Alaa Al-Aswani

Schreiben aus Nostalgie


Der Roman "Der Jakubijan-Bau" von Alaa al-Aswani ist vor fünf Jahren in einem kleinen ägyptischen Verlag erschienen. Inzwischen ist das Buch in viele Sprachen übersetzt worden und hat mehrere Preise gewonnen. Nun ist "Der Jakubijan-Bau" auch auf Deutsch erschienen. Mona Naggar sprach mit dem Schriftsteller.


Wie kam es zum Titel "Der Jakubijan-Bau"? Und warum haben Sie "Wust al-Balad", das Zentrum Kairos, als Schauplatz für den Roman gewählt?

Alaa al-Aswani: Ich habe meinen Roman in drei Jahren geschrieben. Die ersten beiden Jahre trug er den Titel "Wust al-Balad". Dann gefiel mir dieser Titel nicht mehr, und ich habe mir überlegt, den Namen eines berühmten Gebäudes als Titel zu nehmen. Ich entschied mich für das Gebäude mit dem Namen "Jakubijan". Dort hatte ich mal eine Zahnarztpraxis.

Aber meine Beziehung zu "Wust al-Balad" war das Entscheidende, das hat mich bewegt, den Roman zu schreiben, nicht das Gebäude. "Wust al-Balad" ist für mich nicht irgendein Ort in Ägypten. Er ist für mich Symbol einer Zeit. Es gab einmal ein anderes Ägypten, ein liberaleres Ägypten, in dem vielfältige Kulturen nebeneinander lebten, eine wirklich offene Gesellschaft. Es gab ein ägyptisches Verständnis des Islam.

Mehrere Jahrhunderte existierten in Ägypten Bars, Nachtclubs, Moscheen und Kirchen nebeneinander. Jeder konnte das machen, was er wollte. Mehrere Ereignisse und Entwicklungen haben das Klima in diesem Land umgekrempelt: Da ist einmal die Niederlage von 1967 gegen Israel, dann die fehlende Demokratie. Mit dem Camp-David-Abkommen 1979 verschwand die große nationale Sache.

Schließlich wanderten Tausende arbeitsuchende Ägypter nach Saudi-Arabien aus, und sie kamen mit der saudi-arabischen Version des Islam zurück. An dem Zustand der Verschlossenheit und der Rückständigkeit, in dem wir uns befinden, trägt diese saudi-arabische Version des Islam die größte Verantwortung.

Mich hat eine Nostalgie zu "Wust al-Balad" erfasst und dazu getrieben, diesen Roman zu schreiben.

Eine der zentralen Figuren in Ihrem Buch ist Taha, der Sohn des Hausmeisters, der sich vom ehrgeizigen Schüler zum gewalttätigen Islamisten wandelt. Was hat Sie gereizt, diese Figur zu erschaffen?
Figuren wie Taha sind selten in der zeitgenössischen arabischen Literatur, obwohl der Islamismus uns seit Jahrzehnten beschäftigt. Ich habe versucht, die Entwicklung zu beschreiben, die er zurücklegt, von einem schüchternen, friedlichen und sympathischen jungen Mann zu einem gewalttätigen Islamisten, der keine Skrupel hat, Menschen zu töten. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas Neues damit geschaffen habe.

Warum halten sich denn arabische Schriftsteller beim Thema Islamismus so stark zurück?
Ich denke, dass es an der klassischen Rivalität zwischen den linken Intellektuellen und der islamistischen Bewegung liegt. Anhänger der islamistischen Bewegung bezeichnen Intellektuelle und Kulturschaffende, die ihrer Weltsicht skeptisch gegenüber stehen, als antireligiös und als Verfechter des Säkularismus, was in der arabisch-islamischen Welt oft diskreditierend verwendet wird. Für die säkularen Intellektuellen sind die Islamisten "religiöse Faschisten".

Die Konfrontation, die zwischen den Marxisten und den Muslimbrüdern in Ägypten und der arabischen Welt in den 50er und 60er Jahren geherrscht hat, wird von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Viele Schriftsteller schaffen es nicht, sich beim Schreiben von diesen Ressentiments und von ihren politischen Zugehörigkeiten zu lösen. Das sollte man aber tun.

Sie sind in der ägyptischen Oppositionssammelbewegung "Kifaya" aktiv und schreiben regelmäßig Kolumnen zu aktuellen politischen Themen. Ist es Ihnen wichtig, Themen, die in der ägyptischen Öffentlichkeit diskutiert werden, wie etwa Folter oder Korruption, auch in Ihren literarischen Werken aufzugreifen?
Nicht soziale oder politische Beweggründe treiben mich dazu, einen Roman zu schreiben. Mein Ziel ist, Literatur zu schaffen, nicht etwa die Befreiung des Menschen oder die Gleichberechtigung der Frau einzufordern. Diese Themen behandle ich in Kommentaren oder Artikeln.

Außerdem glaube ich nicht, dass die Themen, die ein Roman anspricht, so wichtig und so gravierend sie sein mögen, für dessen Erfolg ausreichen. Ich halte mich da an eine Aussage von Gabriel Garcia Marquez, der gesagt hat, dass ein guter Roman zwangsläufig ein gutes Thema hervorbringt, dass aber aus einem guten Thema noch lange kein guter Roman wird.

"Der Jakubijan-Bau" ist Ihr zweiter Roman. Wann haben Sie sich entschlossen, Schriftsteller zu werden?
Mein Vater ist ein bekannter Schriftsteller in Ägypten, und ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem Literatur in der Luft lag. Als ich früher von der Schule zurückkam, hat mich meine Mutter immer gebeten, ruhig zu sein, denn mein Vater war mit dem Schreiben beschäftigt und durfte nicht gestört werden. Später habe ich erfahren, dass die Freunde meines Vaters die bekanntesten Schriftsteller und Künstler in Ägypten waren.

Mit zehn Jahren war mir klar, dass ich Schriftsteller werden will. Das war mein großer Traum. Aber in Ägypten kann man nicht von der Schriftstellerei leben. Man muss immer einen zweiten Beruf haben. Mein Vater war beispielsweise Rechtsanwalt. Oder man schreibt fürs Fernsehen oder fürs Theater.

So beschloss ich, Zahnmedizin zu studieren. Ich habe in Ägypten und in den USA Zahnmedizin studiert. Als Zahnarzt kann man seine Zeit wunderbar zwischen der Praxis und dem Schreiben einteilen. Außerdem habe ich täglich Kontakt zu sehr unterschiedlichen Menschen. Das ist ein wahrer Schatz für einen Schriftsteller.

Wie teilen Sie Ihre Zeit zwischen der Schriftstellerei und der Zahnmedizin auf?
Ich stehe morgens um sechs Uhr auf, schreibe von sechs Uhr dreißig bis zehn Uhr, egal wie es mir geht. Manchmal bin ich sehr erschöpft, aber ich halte mich an diesen Rhythmus, und meine biologische Uhr hat sich inzwischen darauf eingestellt. Ich wache immer früh morgens auf, wie ein Boxer, und das fünf oder sechs Tage in der Woche.

Wenn man nicht diszipliniert ist, wird man keinen Roman schreiben können. Und ich schreibe relativ umfangreiche Romane. Mein neuer Roman hat beispielsweise 460 Seiten. Daran habe ich zweieinhalb bis drei Jahre gearbeitet.

Unter der Woche führe ich kein soziales Leben. Da ich im gleichen Haus wohne, in dem auch meine Praxis ist, spare ich Zeit. Donnerstags abends beginnt mein Wochenende. Abends leite ich regelmäßig ein literarisches Treffen, dann sitze ich mit Freunden zusammen. Am Freitag gehe ich mit meinen Kindern aus.

"Der Jakubijan-Bau" ist bis heute in der arabischen Welt ein Bestseller. Der Film wurde ebenfalls ein Erfolg und eine Fernsehserie ist gerade in Vorbereitung. Hat Sie der Erfolg verändert?
Ich habe mich nicht verändert, aber mein Leben hat sich total verändert. Ich reise wie verrückt in der Welt herum. Mein Terminkalender ist für dieses Jahr bis September ausgebucht. Jeden Monat fahre ich zweimal ins Ausland, wobei ich natürlich auch viele Einladungen absage.
Das ist toll, obwohl ich das Reisen als sehr anstrengend empfinde. Aber ich kann mich nicht beklagen, denn ich habe viele Jahre hart für diesen Erfolg gearbeitet.

Interview: Mona Naggar
© Qantara.de 2007


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