| Landbote, 10.5.2007
Therapie für die arabische Welt
Mit seinem Roman «Der Jakubijân-Bau» sorgte Alaa al-Aswaniin
den arabischen Ländern und auch international für enormesAufsehen.
Im Gespräch benennt der ägyptische Autor den Totalitarismus
als Grundübel der arabischen Welt.
Herr Al Aswani, Sie sind Zahnarzt und schreiben zudem Romane.
Wie bringen Sie das zusammen?
Alaa al-Aswani: Eigentlich ist es umgekehrt. Ich war immer ein Autor,
der auch einen Beruf haben musste. In der arabischen Welt kann man vom
Schreiben nicht leben. Sogar Nagib Machfus war gezwungen, bis zum sechzigsten
Lebensjahr für die Regierung zu arbeiten. Für mich ist es
aber ein Glücksfall, als Zahnarzt zu arbeiten. Dadurch ist es mir
möglich, unabhängig zu bleiben, was in Ägypten wichtig
ist. Und der Beruf ist für mich ein Fenster zu den Leuten und ihren
Geschichten.
«Der Jakubijân-Bau» vermittelt ein überaus
kritisches Bild der herrschenden Elite und greift offen heikle Themen
wie das der Homosexualität auf. Hat Ihnen dies Schwierigkeiten
eingebracht?
Al Aswani: Nein. Probleme hätte ich wohl auch nicht der Literatur
zuzuschreiben. Ich engagiere mich in der Bewegung Kifaya («Es
reicht»), die sich für mehr Demokratie einsetzt. In diesem
Sinne verfasse ich seit vielen Jahren Artikel in oppositionellen Zeitungen.
Als politische Person bringe ich mich dort ein. Wenn ich Literatur schreibe,
ist das etwas anderes, da geht es in erster Linie um Kunst. Das heisst
nicht, dass die Literatur keine politischen oder sozialen Themen behandelt.
Aber in einem Roman muss dies durch das Leben der Figuren erfolgen.
Man sollte nie einen Roman mit direkt politischen Absichten schreiben,
denn das zerstört die Literatur.
Womit beschäftigen Sie sich in Ihren Presseartikeln?
Al Aswani: Ich schreibe über Fragen der Demokratie – das
ist mein grosses Thema. Denn ich glaube, dass der Aufbau einer Demokratie
unsere Probleme lösen würde. Ich wehre mich gegen die Vorstellung,
dass es verschiedene Arten von Demokratie gibt. Dieses Argument wird
von Diktaturen zu ihrer Rechtfertigung verwendet. Die Demokratie kennt
nur eine Form, und diese ist längst nicht mehr nur eine westliche,
sondern eine allgemein menschliche Idee. Bedingungen für eine wirkliche
Demokratie sind die Respektierung der Menschenrechte, der Schutz vor
Folter und Unterdrückung sowie ein transparentes politisches System.
Die Menschen müssen das Recht haben, ihre Regierung zu wählen
und diese auch wieder zu ändern. Es ist einfach nicht akzeptabel,
dass die arabische Welt global gesehen die Region ist, die am stärksten
von Diktaturen beherrscht bleibt.
Kifaya konnte besonders im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen
von 2005 effektvoll auftreten. Nun ist es sehr still geworden. Steckt
die Opposition in der Krise?
Al Aswani: Nein. Kifaya ist eine Bewegung und keine Partei. In dieser
engagieren sich Leuten unterschiedlichster Ausrichtung. Deshalb lässt
sich die Bedeutung nicht aufgrund von Mitgliederzahlen einschätzen.
Kifaya hat in der ägyptischen Gesellschaft grosse Veränderungen
bewirkt. Erstmals gingen Leute auf die Strasse und forderten offen den
Präsidenten auf, von der Macht abzutreten. Das hat es nie zuvor
gegeben. Viele haben dafür einen hohen Preis bezahlt. Manche wurden
verhaftet, geschlagen und in Polizeihaft sexuell misshandelt. Kifaya
repräsentiert eine Stimmung im heutigen Ägypten, und ich bin
sicher, dass unsere Ideen von einem grossen Teil der Bevölkerung
geteilt werden.
In jüngster Zeit hat sich in Ägypten auch eine politische
Blogger-Szene herausgebildet.
Al Aswani: Die Blogger stehen im Umfeld von Kifaya, der Grossteil hat
sich aber in der Organisation «Jugend für Veränderung»
zusammengeschlossen. Der Einfluss der Blogger ist zum Teil erheblich.
So wurde etwa mit Clips die Misshandlung von Menschen durch die Polizei
dokumentiert. In einem Fall sah sich die Regierung sogar gezwungen,
eine Untersuchung anzuordnen. Die Machthaber tolerieren diese Art von
Freiheit allerdings nicht. Bereits vor einiger Zeit haben sie damit
begonnen, junge Leute zu verhaften. Einer der bekanntesten unter den
Bloggern, Karim Amer, sitzt für vier Jahre im Gefängnis.
Gemäss Amnesty International war die Missachtung der Menschenrechte
seit der Machtübernahme durch Präsident Hosni Mubarak (1981)
noch kaum je so schlimm wie heute.
Al Aswani: Damit bin ich absolut einverstanden. Ich habe grossen Respekt
für Amnesty und die Menschenrechtsorganisationen. Im Unterschied
dazu schweigen die westlichen Regierungen oft, um die offiziellen Beziehungen
und ihre Interessen zu wahren. Das wird in der arabischen Welt meist
als Verlogenheit gesehen.
Die im März durchgesetzten Reformen der Verfassung schränken
die Grundrechte wohl noch weiter ein.
Al Aswani: Diese Verfassungsänderungen bedeuten eindeutig einen
Rückschritt und weniger Demokratie. Dazu hat Amnesty International
einen hervorragenden Bericht veröffentlicht, mit dessen Ergebnissen
wir völlig übereinstimmen.
Wird die Demokratisierung nicht auch durch die islamistischen
Bewegungen behindert, die zwar als Opposition agieren, aber keine Demokratie
anstreben?
Al Aswani: Eine Demokratie mit Einschränkungen kann es nicht geben.
Alle müssen das Recht haben, an Wahlen zu kandidieren. Wenn die
Leute eine islamistische Regierung haben wollen, muss man das respektieren.
Es stellt sich aber das Problem, wie es sich verhindern lässt,
dass eine Regierung nach vier Jahren die Macht nicht abgeben will. Dazu
gibt es bereits Vorschläge. Heute ist es möglich, eine Diktatur
zu schützen. Es sollte doch viel einfacher sein, eine Demokratie
zu schützen. Ich möchte zudem festhalten, und das ist sehr
wichtig, dass der Fundamentalismus das Resultat von Diktaturen ist.
Als Arzt habe ich gelernt, zwischen Krankheit und Symptomen zu unterscheiden.
Die eigentliche Krankheit der arabischen Welt ist die Diktatur. Fanatismus,
Korruption, Armut und Unrecht sind Folgen dieser Krankheit.
Interview: Fridolin Furger
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