Neue Zürcher Zeitung, 12.05.2007

Ein Haus, zwei Welten

Ein grosser Wurf - Alaa al-Aswanis Roman «Der Jakubijan-Bau»

Mit seinem Roman, der um die Bewohner eines grossen Miethauses kreist, hat der Ägypter Alaa al-Aswani im arabischen Raum Triumphe gefeiert. Der deutschen Übersetzung des lebensvollen und souverän erzählten Buches möchte man ähnlichen Erfolg wünschen.

Von Christoph Burgmer

Präzision, handwerkliches Geschick und eine leichte Hand: Was einen Zahnarzt auszeichnen sollte, steht auch einem Schriftsteller gut an, und der 1957 in Kairo geborene Alaa al-Aswani profitiert offensichtlich davon, dass er die beiden Berufsstände in Personalunion vertritt. Wie praktisch alle Literaturschaffenden in weniger privilegierten Ländern - sein nobelpreisgekrönter Landsmann Nagib Machfus eingeschlossen - kann al-Aswani vom Schreiben allein nicht leben; wie viele dieser doppelt engagierten Autoren lässt er sich aber auch von den Begegnungen inspirieren, die sein Brotberuf mit sich bringt. So hat ihn der Grosserfolg seines inzwischen verfilmten Romans «Imarat Yaqubian» (2002) einstweilen nicht dazu bewogen, den weissen Kittel an den Nagel zu hängen.

Fünf Jahre nach dem Erscheinen des Originals liegt der Roman jetzt unter dem Titel «Der Jakubijan-Bau» in der gewohnt souveränen Übertragung von Hartmut Fähndrich auf Deutsch vor - und würde arabische Literatur auf einem ähnlichen Level rezipiert wie etwa die amerikanische, dann müsste dem Buch ein Spitzenplatz unter den Novitäten der Büchersaison sicher sein. Denn eine hiesige Leserschaft findet nicht weniger literarische Qualität und relevante Inhalte vor als eine arabische: Mögen die im islamischen Kulturraum schockierenden oder riskanten Themen wie Homosexualität, Abtreibung, Polizeibrutalität und Korruption bei uns weniger brisant wirken, so öffnet sich dem deutschsprachigen Publikum dafür ein gesellschaftliches Panorama, das lebendig und teilnahmsvoll dargestellt, witzig und elegant ausgefaltet wird und das, ohne auch nur einen Moment ins Lehrhafte zu fallen, Einblicke in Ägyptens sozialen und politischen Wandel während der letzten fünfzig Jahre vermittelt.

EIN TAUGENICHTS AUS BESSERER ZEIT
So könnte Saki Bey al-Dassuki mit seinem etwas antiquierten, aber perfekt assortierten europäischen Habit und den penibel übers kahle Haupt gestrählten Haaren direkt aus einem der Romane Nagib Machfus' auf die erste Seite des «Jakubijan-Baus» geschlendert sein. Ein Gentleman und Lebemann (ja, in diesem Fall geht das zusammen), der noch die aus seiner Sicht besseren Tage vor Nassers Revolution gesehen, in Europa studiert und die Liebeskunst in den Betten erlesener Damen wie auch aufgelesener Strassenmädchen perfektioniert hat; ein stilvoller Taugenichts, der im Lauf der Erzählung nicht nur das Herz der so schönen wie verbitterten Buthaina, sondern mit einiger Sicherheit auch dasjenige der Leserin oder des Lesers erobert.

Saki Beys gelegentliche Auseinandersetzungen mit der vierzig Jahre jüngeren Geliebten markieren aber auch den Wandel, den die einst glänzendste Nation der arabischen Welt in den vergangenen Dekaden durchgemacht hat. Als dessen zweiten Zeugen setzt der Autor den titelgebenden Bau ein, der tatsächlich existiert und der zeitweilig sogar al-Aswanis Praxis beherbergte. 1934 nach Plänen eines italienischen Architekturbüros errichtet, diente das prachtvolle zehnstöckige Gebäude zunächst den besten Familien und reichen Ausländern als Wohnsitz. Nach der Revolution von 1952 - in Saki Beys Augen der Sündenfall in der ägyptischen Geschichte - kauften sich Nassers Offiziere in die Wohnungen der durch den Umsturz Vertriebenen ein; in den siebziger Jahren, als die bessergestellten Schichten in neue Aussenquartiere abwanderten, wurden die Wohnungen zusehends zu Renditeobjekten. Gleichzeitig nisteten sich über die Jahre hin in den ursprünglich als Vorratskammern gedachten metallenen Verschlägen auf dem Dach zunächst Dienstboten, dann arme Zuwanderer vom Land ein - eine Parallelgesellschaft, deren Leben in Enge und sengender Hitze man sich unschwer als eine Art Vorhölle denken kann.

Hier oben ist Buthaina aufgewachsen, die zwar ein Handelsschuldiplom in der Hand hat, ihren wechselnden Arbeitgebern aber trotzdem auch noch den Hintern hinhalten soll; Saki Bey dagegen treibt gepflegten Müssiggang in seinem Büro im Jakubijan-Bau. Dass die beiden Welten, die das Gebäude beherbergt, wie im Falle dieser beiden Menschen in Liebe zusammenfinden, ist freilich die Ausnahme; vielmehr präsentiert sich das Buch nicht zuletzt als Thema mit Variationen über ihre Unvereinbarkeit.

NÄCHTLICHE HEIMSUCHUNGEN

Immer wieder stellt al-Aswani dabei innere Bezüge her, welche durch die gekonnt organisierte Erzählstruktur des Romans noch akzentuiert werden. So kulminieren die dicht aneinandergeschnittenen Episoden, die abwechselnd Einblick ins Leben der neun Hauptfiguren geben, gleich dreimal in einem brutalen nächtlichen Überfall. Saki Bey und Buthaina werden vom Liebeslager aufgescheucht, weil Sakis verwitwete Schwester ihren «verkommenen» Bruder entmündigen lassen und sich so den Rest des arg geschrumpften Familienbesitzes sichern will. Suad, die als heimlich geehelichte Zweitfrau des Aufsteigers Hagg Muhammad Asam ebenfalls den Sprung aus der Misere in eines der geräumigen Appartements im Jakubijan-Bau schaffte, überrascht ihren ältlichen Gemahl mit einer Schwangerschaft, die gleichzeitig ihre Ansprüche auf eine finanziell gesicherte Zukunft festigen soll; aber Asam hat ganz andere Ziele im Auge als spätes Vaterglück und lässt, als alle Überredungsversuche fruchtlos bleiben, Suad im Schlaf überwältigen und ins Spital überführen, damit der unerwünschte Erbe entfernt werden kann. Taha al- Schasli schliesslich, der gläubige und hochbegabte Sohn des Türhüters, dem sein Berufswunsch der bescheidenen Herkunft wegen abgeschlagen wurde, lässt sich daraufhin in den Bann einer radikalen islamistischen Organisation ziehen: Ihn holen die Polizisten mitten in der Nacht, um seinen Widerstandsgeist durch Folter und sexuelle Demütigung zu brechen.

Auch anderweitig zeichnen sich Symmetrien ab. Während Scheich Schakir, Tahas geistiger Führer, zum Jihad aufruft und - man schreibt das Jahr 1991 - die Unterstützung der ägyptischen Regierung für die amerikanische Invasion im Irak mit bitteren Worten geisselt, predigt sein Widerpart, Scheich al-Samman, nicht minder eifrig im Interesse der Machthaber für den Feldzug; und der kulante Gottesmann ist sich auch nicht zu gut dazu, Hagg Muhammad Asam in seinen Diskussionen mit Suad zu sekundieren und ihr die - im Islam unter fast allen Umständen verbotene - Abtreibung mit allerlei Schönrednerei nahezulegen. Asam wiederum, der sich dank allerlei zwielichtigen Geschäften vom Schuhputzer zum Wirtschaftsmagnaten und Parlamentsmitglied hochgeboxt hat, fände auf dem Dach des Jakubijan-Baus sein verkleinertes Ebenbild in Malak Chilla, einem Hansdampf in allen Gassen, der mit Niedertracht, Unverschämtheit und schlagendem Erfolg die Expansion seiner Machtsphäre betreibt.

FAIRNESS UND TAKT
In diesem breit angelegten Bilderbogen fehlt es nicht an fein gestalteten Vignetten und ironischen Glanzlichtern. Wenn etwa ein Handelsabkommen mit einem japanischen Autokonzern in den Medien als «mutiger patriotischer Schritt» zelebriert wird, um «das Monopol westlicher Autos zu brechen», entbehrt es nicht des Hintersinns, wenn der japanische Geschäftspartner auf den Namen Yen Ki hört. Aber obwohl Sarkasmus für al-Aswani beileibe kein Fremdwort ist, verschärft er die Profile seiner Figuren nur selten zur Karikatur und begegnet den meisten von ihnen mit Fairness und Takt. Das glückliche Intermezzo in Tahas Leben, als er - bereits im Trainingslager der fundamentalistischen Gamaa Islamija - mit einer Glaubensgefährtin verheiratet wird, ist mit ebenso viel Wärme und Zartheit dargestellt wie die Beziehung zwischen Saki Bey und Buthaina, und die kurze Passage, in der die Trauer der Jakubijan-Dachbewohner um ein verstorbenes Kind geschildert wird, brennt sich ins Gedächtnis.

DIFFIZILE MUTPROBE
Einzig mit dem homosexuellen Zeitungsredaktor Hatim Raschid scheint sich der Autor nicht restlos wohl zu fühlen. Zwar stellt er ihn als klugen und im beruflichen Kontext souveränen Charakter dar, der fiese Anspielungen auf seine Neigungen mit der linken Hand abschmettert - aber dieses «zwar» leuchtet einem als eine Art verhohlene Entschuldigung für diese Figur entgegen, deren Bild denn auch von tuntigen Klischees nicht ganz frei bleibt: «Hatim Raschid war also nicht einfach effeminiert», heisst es einmal, «er war gleichzeitig ein hochbegabter, erfahrener und arbeitsamer Mann.» Vielleicht ist der Grund für diese Ambivalenz aber weniger beim Schriftsteller selbst zu suchen denn im gesellschaftlichen Kontext: In Ägypten, wo Homosexualität nicht nur verpönt ist, sondern auch gesetzlich verfolgt wird, dürfte es schon eine gewisse Mutprobe sein, einer solchen Figur überhaupt einen prominenten Platz in einem Romanprojekt einzuräumen.

Insgesamt jedenfalls schreibt al-Aswani mit so viel Tempo, Witz und Herz, dass man diese Bestandesaufnahme aus dem heutigen Ägypten begierig wie kräftigen Mokka schlürft - und erst nachher realisiert, dass man auch den dunklen Bodensatz aus Zorn und Hoffnungslosigkeit absorbiert hat. Er schmeckt bitter, hilft aber vielleicht dabei, die heutige Situation in der islamischen Welt besser zu verstehen.


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