ÖSTERREICH, 14.04.2007

Diener, Dirnen und Diktatur

In seinem Erfolgs- und Skandal-Roman Der Jakubijan-Bau zeichnet der 50-jährige Autor Alaa al-Aswani, der im Brotberuf Zahnarzt ist, anhand eines Gebäudes und dessen Bewohnern einen Mikrokosmos des heutigen Ägypten und seiner Vergangenheit und spiegelt die Macht- und Beziehungsverhältnisse im Land.


Von Julia Kospach

Die arabische Welt leide an der Krankheit Diktatur, sagte Alaa al-Aswani vor Kurzem in einem Interview. Die Symptome dieser Krankheit seien Ungerechtigkeit, Korruption, Armut und Fanatismus. Genau diese Erscheinungen sind es auch, um die sich Alaa al-Aswanis Roman Der Jakubijan-Bau dreht; sie sind es, welche die Beziehungen zwischen seinen Figuren bestimmen – im Beruf, in der Familie, in Politik und Wirtschaft und sogar im Schlafzimmer.

Dem 50-jährigen Ägypter Alaa al-Aswani, der im Brotberuf Zahnarzt und deshalb naturgemäß medizinischer Metaphorik zugeneigt ist, gelang mit seinem 2002 im arabischen Original erschienenen Werk der literarische Durchbruch. Das lebenspralle, farbenprächtige und hochpolitische Buch erlebte seither neun Auf lagen, brachte es auf die für den arabischen Buchmarkt gigantische Verkaufszahl von weit über 100.000 Exemplaren, schaffte es auch in italienischer und französischer Übersetzung zum Bestseller und wurde schließlich in Starbesetzung und mit den höchsten Kosten, die je für eine ägyptische Kinoproduktion ausgegeben wurden, verfilmt. Nun ist Der Jakubijan- Bau im kleinen, feinen Basler Lenos-Verlag endlich auch auf Deutsch zugänglich und erweist sich als wahre Entdeckung.

In Ägypten, wo das Buch zwei Jahre lang durchgehend an der Spitze der Bestsellerlisten stand, war und ist das literarische Debüt des politisch sehr engagierten Alaa al-Aswani mindestens so umstritten wie der Autor selbst: Al-Aswani äußert sich lautstark gegen die – gerade in den letzten Wochen wegen eines umstrittenen Referendums auch international heftig diskutierte – Politik des ägyptischen Staatschefs Hosni Mubarak, dessen geplante Machtübergabe an seinen Sohn Gamal Mubarak er als undemokratisch geißelt.

Den ägyptischen Machthabern ist al-Aswani darum ebenso ein Dorn im Auge wie vielen Geistlichen, die seinen Roman als Verunglimpfung des Islam verurteilen. Außerdem hieß es, al-Aswani besudle darin die ägyptische Gesellschaft, sein Stil sei plakativ und bewege sich auf dem Niveau von Boulevardjournalismus. Auf der anderen Seite stehen jene, die in Der Jakubijan-Bau ein realistisches Spiegelbild der zerrissenen Gesellschaft des modernen Ägypten sehen, die es als differenzierten, hochliterarischen Blick auf Zu- und Missstände loben und darin ein gelungenes Panoptikum von Land und Leuten erblicken. Längst ist der Roman zu einem Klassiker der zeitgenössischen arabischen Literatur geworden, ein Buch in der Tradition des großen ägyptischen Literaturnobelpreisträgers von 1988, Nagib Machfus, und dessen berühmtestem Roman Die Midaq-Gasse, in dem Machfus den gesellschaftlichen Mikrokosmos einer Kairoer Gasse nach dem zweiten Weltkrieg ausleuchtet.

Al-Aswanis Grundkonzept ist ähnlich: Der Jakubijan-Bau erzählt von den Bewohnern eines tatsächlich existierenden, gewaltigen Wohnhauses im klassischeuropäischen Stil, das ein armenischer Millionär 1934 im Zentrum von Kairo erbauen ließ. Der nach ihm benannte Jakubijan-Bau ist zugleich auch das Gebäude, in dem Alaa al-Aswanis Vater, ein Jurist, sein Büro hatte und er selbst seine erste Zahnarztpraxis. Ursprünglich bewohnt von der westlich orientierten „Crème der ägyptischen Gesellschaft“, erlebte das Haus im Lauf der Jahrzehnte einen Wandel, der in vieler Hinsicht ein Abbild dessen ist, was die ägyptische Gesellschaft als Gesamtheit erlebt hat.

Al-Aswani entwirft das Porträt eines von sozialen Umbrüchen und politischen Richtungswechseln erschütterten Landes, dessen Selbstverständnis einer demokratischen, aufgeklärten, säkularen Hauptstadt-Gesellschaft innerhalb weniger Jahrzehnte zunehmend von Engstirnigkeit, religiösem Fanatismus, politischer Willkür und der Einschränkung von Grundrechten unterwandert wurde.

Im Jakubijan-Bau in der Sulaiman-Pascha-Straße, die wie das gesamte Stadtzentrum Kairos weitaus bessere Zeiten erlebt hat, versammelt Alaa al-Aswani einen repräsentativen Querschnitt durch diese desorientierte, verunsicherte Gesellschaft, in der das Recht der Stärkeren und Intoleranteren zum Dogma geworden ist: erschöpfte Arbeiter und mondäne Aristokraten, Mätressen und Verkäuferinnen, biedere Hausfrauen und berechnende Dienstboten, aufstiegsbegierige Handwerker und linke Intellektuelle, brave, armutsgeplagte Studenten und verbitterte Zugezogene aus der Provinz. Das arme und das reiche Kairo – sie liegen nah beieinander.

Oben auf dem Dach des Jakubijan- Baus wohnen die Armen in Ein-Zimmer-Verschlägen wie im Dorf. Dort herrschen Enge, Tradition und Nachbarschaftskontrolle, aber auch mitunter Nachbarschaftshilfe. Es ist ein lärmender, staubiger Mikrokosmos aus abends müde an ihren Wasserpfeifen saugenden Taglöhnern, Türhütern, Handwerkern und Kleinhändlern mit ihren Frauen und Kindern. Buthaina al-Sajjid zum Beispiel, älteste Tochter einer vaterlosen Familie, erfährt auf vielfältige Weise, dass Armut für eine junge Frau – zumal für eine schöne – vor allem sexuelle Übergriffe und Ausbeutung bedeutet, und der Student Taha al-Schasli lernt, dass er als Sohn eines Türhüters auch mit den besten Noten keine Chance hat, Polizeioffizier zu werden. Diese Enttäuschung und traumatische Erfahrungen mit staatlichen Folter-Gefängnissen führen ihn erst in den Kreis islamischer Fundamentalisten und treiben ihn schließlich in die Arme des islamistischen Terrors.

Unterhalb des Dachs – in den weitläufigen, großbürgerlichen Vielzimmer-Wohnungen des Jakubijan-Baus – lebt hingegen eine ganz andere Gesellschaft, die nicht minder bunt und vielgestaltig ist. Im gesellschaftlichen Gefüge des Landes sind sie jene, die den Ton angeben oder zumindest einmal angegeben haben, jene, denen die Menschen vom Dach zu Diensten sind. Da ist der „verwöhnte Lustmolch“ Saki Bey al-Dassuki, ein harmloser, gutherziger Elegant Mitte 60 aus dem 1952 teilenteigneten ägyptischen Landadel, der den müßiggängerischen, kultivierten und frankophilen Lebensstil seiner verarmten Klasse pflegt. Er kennt nur zwei echte Leidenschaften: Frauen und Alkohol. In seiner arglosen Freundlichkeit und kulturellen Offenheit ist er eine der sympathischsten Figuren des Buchs.

Da ist der dubiose, steinreiche, scheinheilige Geschäftsmann und Polit-Aufsteiger Hagg Asam, der im Jakubijan- Bau eine Wohnung für seine heimliche zweite Ehefrau unterhält, die er vom Dorf geholt – eigentlich: gekauft – hat und die er ein Mal täglich zum Sex aufsucht. Da ist Hatim Raschid, der brillante, feinsinnige Chefredakteur einer großen französischsprachigen Oppositionszeitung, der seinen aus der oberägyptischen Provinz stammenden jungen, verheirateten Liebhaber auf der Straße rekrutiert und mit Geld und Geschenken in eine Beziehungsabhängigkeit gezwungen hat.

Unbestechlich, nüchtern und mit einem poetischen Realitätssinn zeichnet Alaa al-Aswani in seinen lebensechten Figuren und den Beziehungen, die zwischen ihnen bestehen, das Bild einer von Brutalität, Willkür und Rücksichtslosigkeit geprägten ägyptischen Alltags- Gesellschaft, in der Opfer und Täter nicht selten Rollen tauschen, die Armen – fast – immer Pech haben und auch noch die scheinbar Unangreif baren jederzeit von einer gesichtslosen Obrigkeit in die Knie gezwungen und gedemütigt werden können. Daneben gibt es auch und vielleicht gerade deswegen kleine geraubte Momente unbeschwerten Glücks.



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