| Poetenladen.de, 15.03.2007
Ein Haus in Kairo oder
Wieviele Schicksale passen unter ein Dach?
von Dietmar Jacobsen
Dies ist kein Buch zum Film. Denn es war eher da und sorgte in der arabischen
Welt schon für Aufsehen, bevor der 2005 auch auf der Berlinale
gezeigte Streifen The Yacoubian Building von Regisseur Marwan
Hamed auf seine Existenz aufmerksam machte. Nun ist der ägyptische
Bestseller also auch im deutschen Sprachraum erhältlich, dank des
Lenos Verlags zu Basel und seiner schönen Reihe mit arabischer
Gegenwartsliteratur sowie natürlich der vorzüglich lesbaren
Übersetzung Hartmut Fähndrichs, der dem Band zudem ein informatives
und kenntnisreiches Nachwort spendierte. Und es sind diesem Roman –
das sei auch gleich gesagt – viele Leser zu wünschen, weil
er auf außerordentlich gekonnte Weise fesselt, unterhält
und informiert.
Dabei ist Alaa al-Aswani im Hauptberuf gar nicht Schriftsteller, sondern
Zahnarzt. Als solcher hatte er seine erste eigene Praxis just in jenem
großen Wohnhaus in der Kairoer Innenstadt, das er 2002 zum Schauplatz
und Titelort seines Bestsellers machte. Und weil auch sein Vater, ein
Jurist und Freizeitschriftsteller wie der Sohn, lange Zeit hier ein
Büro unterhielt, darf man annehmen, dass dieses Gebäude praktisch
schon von früh auf zu den Lokalitäten zählte, denen das
besondere Augenmerk des 1957 Geborenen galt. Hier kannte er die Treppen,
Gänge und Etagen. War vertraut mit den Verschlägen, in denen
die Underdogs auf dem Dach ihre Existenz fristeten. Fantasierte sich
hinter die Türen und mitten hinein in das Leben ägyptischer
Männer und Frauen, die, unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten
und Milieus entstammend, hier von gesellschaftlicher Anerkennung, Aufstieg
und Erfolg träumten.
Wie zum Beispiel Taha al-Schâsli. Als Sohn eines Türhüters
hat er eigentlich in einer ständisch organisierten Welt wenig zu
erwarten. Trotzdem steckt der intelligente junge Mann voller Ehrgeiz.
Nichts weniger als ein von allen geachteter Polizeioffizier will er
werden. Und auf die dazu nötige Prüfung ist er gut vorbereitet.
Allein die scheitert, weil Taha weder die erforderliche Bestechungssumme,
wie Begüterte sie zahlen, aufzubringen in der Lage ist, noch sein
Herkommen verleugnen kann. Darüber geht seine Beziehung kaputt
und, nachdem er die Bekanntschaft mit im Namen des Staates ausgeübter,
sadistischer Folter gemacht hat, auch sein Vertrauen in die Reformierbarkeit
der herrschenden Zustände. Er stirbt als fanatisierter Terrorist.
Oder Abd Rabbuh, genannt Abduh. Sozial ein wenig höher angesiedelt
als Taha, reicht es trotzdem nicht hinten und vorn für den Rekruten,
der auf Kairos Straßen Wache schieben muss und nebenbei noch eine
dreiköpfige Familie durchzubringen hat. Da trifft es sich gut,
dass er ins Blickfeld des recht erfolgreichen Journalisten Hâtim
Raschîd gerät. Schnell willigt er in ein homosexuelles Verhältnis
zu dem gut gestellten Redakteur ein. Aber auf Dauer ist der Zwiespalt,
in den er dadurch gerät, nicht zu ertragen.
Schließlich – um ein letztes Beispiel aus dem Roman zu nehmen
– Suâd Gâbir, die aus Not zur Mätresse eines
unter merkwürdigen Umständen aufgestiegenen Neureichen wird,
was ihr zunächst nicht zum Schaden gereicht. Aber dann will sie
etwas mehr sein als nur die »zweite rechtmäßige Ehefrau«
und wird brutal in ihre Schranken gewiesen. Als sie wider die getroffenen
Abmachungen schwanger wird, versteht der wohlhabende Greis keinen Spaß
mehr und lässt ihr das Kind mit Gewalt nehmen.
Diese drei und noch eine Handvoll weiterer Figuren lässt Alaa al-Aswani
im Jakubijân-Bau aufeinandertreffen. Nicht jeder ist mit jedem
bekannt, oft verhindern Standesschranken, dass man sich näherkommt.
Doch die Wege kreuzen sich dennoch, geschickt arrangiert von einem Autor,
der nicht nur ein façettenreiches Porträt der modernen ägyptischen
Gesellschaft abliefert, sondern zusätzlich - über die Biografien
seiner Helden, die bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zurückreichen
- auch die historische Tiefendimension des Heute auslotet.
Al-Aswanis Haus in der Kairoer Sulimân- Pascha- Straße steht
– ganz der Tradition realistischer Weltliteratur verpflichtet
– für das moderne Ägypten. Indem der Leser die Schicksale
seiner einzelnen Bewohner verfolgt, manchmal lächelnd, manchmal
bewegt, manchmal aufgewühlt, beginnt er, vieles besser zu begreifen,
was ihn, als kleiner Teil des Stroms der tausend täglich über
ihn hinwegspülenden Nachrichten, nur oberflächlich und abstrakt
berührt. Ein fremdes Land rückt ihm plötzlich näher,
weil es Gesichter bekommt. Und in diesen Gesichtern spiegeln sich Leidenschaften
und Begierden, die ihm so fremd nicht sind. Es geht um Liebe und Hass
hinter den Türen dieses Hauses, um das Recht auf ein kleines bisschen
Glück wie auch den Neid auf jene, die sich ihres zu erobern wussten.
Und plötzlich meint man, auch das Unbegreiflichste, was heute aus
der islamischen Welt auf uns zukommt, den blutigen Terror von unbedenklich
ihr Leben Opfernden nämlich, besser zu verstehen. Bei al-Aswanis
Helden resultiert er aus der Ausweglosigkeit, in die sie geraten, weil
sie mehr wollen, als man ihnen zugesteht. Kann dem militärische
Gewalt von außen abhelfen? Wohl kaum. Erst wenn die starre Ordnung,
in die sie von Geburt an gepresst sind, weicht und sie die Chancen bekommen,
die sie verdienen, werden die Ursachen des Fanatismus verschwinden.
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