| TAGES ANZEIGER, 07.05.2007
Ungerecht und verwirrend ist das Leben, auch
in Kairo
Ein Bestseller in der arabischen Welt: Alaa al-Aswanis Roman
»Der Jakubijân-Bau«.
von Holger Ehling
Am Ende heiratet ein junges Mädchen einen alten Lüstling,
ein Terrorist stirbt bei einem Anschlag, ein schwuler Journalist liegt
erschlagen in seiner Wohnung, und ein korrupter Geschäftemacher
steht vor den Trümmern seiner politischen Ambitionen. So richtig
heiter ist das alles nicht – und trotzdem ist dieser Roman viel
mehr als eine politische Abrechung mit einem ungerechten System, viel
mehr als ein Sittengemälde: Aswani schafft das Kunststück,
seinen fünf Hauptfiguren Leben einzuhauchen, sie über die
Rolle eines Beispielcharakters herauszuheben.
Ungerecht und verwirrend ist das Leben, hier zu Lande und anderswo,
jedenfalls manchmal, und natürlich auch in Kairo, dieser quirligen
Metropole, die so weit weg ist vom Glanz der Pharaonen. Hier, in einem
grossen Prachtbau in der zentral gelegenen Talaat-Harb-Strasse, hat
Aswani seine Geschichte angesiedelt, zur Zeit des ersten Golfkriegs.
Die Wohlhabenden leben in geräumigen Apartments, die Armen und
die Dienstboten müssen mit eisernen Verschlägen auf dem Dach
vorlieb nehmen. Parallele Gesellschaften auf engstem Raum: Das ist Ägypten
Realität.
Alle Protagonisten leben und arbeiten im Jakubijân-Bau. Zunächst
die Apartmentbesitzer: Da ist Hamid, der reiche, homosexuelle Chefredaktor
einer Zeitung, der für eine kurze Zeit die Erfüllung findet
in der Liebe zu einem Fellachen. Dann Saki Bey, der alte Beau, der sein
Erbe nach und nach verprasst und sich wehmütig an die Zeiten vor
der Nasseristen-Revolte erinnert, als seine Familie noch Einfluss bei
Hofe hatte und »tout Caire« noch geprägt war von französisch
inspirierter Eleganz. Da ist der Hagg, der auf krummen Wegen zu Reichtum
gekommen ist, sich eine heimliche Zweitfrau zulegt, die er wie eine
Prostituierte behandelt, und jetzt durch seinen Einstieg in die Politik
das grosse Rad drehen will.
Die Dachbewohner finden durch den jungen Taha und sein Kindheitsliebchen
Buthaina Zugang zur Geschichte: Unverbrüchliche Treue haben sie
sich geschworen, aber die Wirren des Lebens führen den einen in
den Tod, die andere in Gelegenheitsprostitution und schliesslich in
die Ehe mit Saki Bey. Es wäre eine leichtes für Aswani, die
beiden sympathischen Dachbewohner als Ankläger gegen ein durch
und durch korrumpiertes Gesellschaftssystem zu positionieren: Aber er
widersteht dieser Versuchung und bleibt ähnlich wohlwollend-distanziert
wie bei den anderen Protagonisten.
Tahas Geschichte ist sicherlich die spektakulärste von allen: Der
Sohn des Türstehers im Jakubijân-Haus ist ein brillanter
Schüler, der sich nichts sehnlicher wünscht, als an der Akademie
für den höheren Polizeidienst aufgenommen zu werden. Er besteht
alle Tests mit Bravour – scheitert am Ende aber doch, weil ein
Mann mit solcher Herkunft nach Meinung der Prüfungskommission nun
wirklich nichts im Offizierskorps der Polizei zu suchen hat.
Taha gerät in die Fänge eines islamistischen Heilsversprechers,
wird nach einer Demonstration festgenommen und im Gefängnis grausam
misshandelt. Er schliesst sich einer Terrorzelle an und kommt schliesslich
bei seinem ersten Einsatz ums Leben. Diese spektakuläre Geschichte
hat vielen westlichen Betrachtern dieses Buch als Werk über den
Weg in den Terrorismus erscheinen lassen; eine verkürzte Sicht,
die der gegenwärtigen politischen Debatte geschuldet ist. Aswani
geht es vielmehr um die Darstellung der psychologischen Auswirkungen
von Lebenssituationen, die unerträglich sind.
Der homosexuelle Chefredaktor Hamit etwa verzehrt sich wie Taha nach
dem Glück – die vorurteilsfreie Schilderung dieser Sehnsüchte
hat Aswani in der arabischen Welt heftige Kritik eingetragen. Hamit
findet dieses Glück bei einem Fellachen, der in Kairo seinen Militärdienst
ableistet. Er klammert sich an den Geliebten, richtet ihm und seiner
Ehefrau samt Kindern ganz in Sugardaddy-Manier einen Verschlag auf dem
Dach her, verschafft ihm einen Zeitungskiosk und meint damit, das Glück
in alle Ewigkeit gesichert zu haben. Als der Sohn des Geliebten jedoch
stirbt, sagt dieser sich los und erschlägt Hamit in einer letzten
Liebenacht, irre vor Selbsthass und betrunken vom Whisky.
Die Kunst Aswanis liegt in der Zurückhaltung: Sowenig er über
das Verhalten seiner Figuren urteilt, so wenig bemüht er sich,
Verbindungen zwischen ihnen zu konstruieren. Der Roman, in der arabischen
Welt ein Sensationserfolg und in Frankreich und Italien – besonders
nach dem Kinostart der Verfilmung – weit oben auf den Bestsellerlisten,
ist ein Glücksfall. Süffig zu lesen (auch dank der hervorragenden
Übersetzung durch Hartmut Fähndrich), mit stimmigen Figuren
und klug aufgebauter Spannung. Und wer den Roman vor allem als Mittel
zur Erkenntnis ägyptischer Lebensverhältnisse lesen will,
wird auch nicht enttäuscht: Der Blick in den Jakubijân-Bau
zeigt eine facettenreiche Realität, wie sie der Leser aus Korrespondentenberichten
normalerweise nicht bekommen kann.
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