| DIE ZEIT, 08.03.2007
Im Kopf legt sich plötzlich
ein Schalter um
Wie das Elend einen Fundamentalisten gebiert: Alaa al-Aswani
erzählt von einem Ägypter, der als terroristischer Täter
zugleich ein Opfer ist.
Von Iris Radisch
Wie wird einer zum islamistischen Terroristen? Altmodisch, einprägsam
und noch ganz frei von den koketten Melancholien und psychologischen
Ambivalenzen des Westens, entfaltet der Roman Der Jakubijân-Bau
des ägyptischen Schriftstellers und Zahnarztes Alaa al-Aswani ein
balzacsches Panorama der ägyptischen Gesellschaft und beantwortet
sehr präzise und anschaulich diese uns seit Langem brennend interessierende
Frage. Ohne sich bei Nebensächlichem oder Subtilem allzu lange
aufzuhalten, begleitet al-Aswani die Bewohner eines Kairoer Wohnhauses
durch die entscheidenden und dramatischen Szenen ihres Lebens. Geschult
am französischen Gesellschaftsroman und beeinflusst von Gabriel
García Márquez und dem verstorbenen ägyptischen Nobelpreisträger
Nagib Machfus, ist al-Aswani ein Realist alter Schule, der zeigen und
nicht reden will, der ein Bild entstehen lassen, aber nicht deuten will.
Oder zumindest so tun möchte, als könnte man das.
Wir sind in Ägypten zur Zeit des Golfkrieges, Hosni Mubarak regiert
das Land seit einem Vierteljahrhundert durch eine Scheindemokratie,
unter der alle, Arme und Reiche, Politiker und kleine Angestellte, bis
in ihre Küchen und ihre Albträume hinein leiden. Die Reste
einer europäisierten Oberschicht sind noch zu spüren und werden
von der herrschenden Gewalt und Korruption weggespült. Im eindrucksvollen,
zehngeschossigen Jakubijân-Bau, der 1934 im europäischen
Stil errichtet wurde, leben kriminelle Neureiche, enteignete Adlige
und französisierte Intellektuelle, die Reste der alten und der
Bodensatz der neuen Elite, in weitläufigen Wohnungen.
Auf dem Dach, in eisernen Kammern, die ursprünglich als Abstellräume
dienten, lebt der potenzielle terroristische Nachwuchs, Kinder ohne
Schuhe, Arbeiter mit ihren Frauen und Taha, der begabte Sohn des Hausportiers,
an dessen unaufhaltsamem Aufstieg zum islamistischen Terroristen wir
eingeladen werden teilzunehmen. Einem Aufstieg, das macht die Architektur
des Romans unmissverständlich, der nicht im Nebulösen des
Menschlich-Allzumenschlichen zu suchen ist und den nur der versteht,
der den Unterbau dieser Dachgesellschaft, der die Herrschaften in der
Beletage, ein wenig näher kennengelernt hat.
Taha hat einfache Ziele. Er möchte auf die Polizeischule, und er
möchte Buthaina aus der Eisenkammer von nebenan zur Frau. Er macht
einen brillanten Schulabschluss und weiß auf alle Fragen bei der
Aufnahmeprüfung in der Polizeischule eine Antwort. Aber Kinder
aus der Eisenkammer kommen in diesem Teil der Erde nirgendwohin, die
letzte Frage der Prüfungskommission, wer denn sein Vater sei, besiegelt
sein Schicksal. Buthaina geht es nicht besser; nachdem ihr Vater gestorben
ist, muss sie arbeiten gehen. Und arbeiten, das heißt für
eine junge mittellose Frau in Ägypten offenbar, den männlichen
Vorgesetzten in jedem Vor- oder Hinterzimmer im Rahmen islamischer Gepflogenheiten
zu Willen zu sein und die Flecken im Kleid danach unauffällig zu
entfernen. Die Dachterrassen-Liebe zwischen der missbrauchten Buthaina
und dem abgewiesenen Polizeischüler hat keine Chance. Buthaina
wird sich in einen alten, aber wohlerzogenen Beletagebewohner verlieben,
der sein sexuelles Ausbeutergeschäft mit europäischen Manieren
zu garnieren weiß. Und Taha wird die Liebe erst in einer arrangierten
Ehe im islamistischen Ausbildungslager kennenlernen. Die einzige Liebe
übrigens, die in diesem Roman ihrem Namen noch Ehre macht.
Natürlich könnte man Alaa al-Aswani, der in der Oppositionspresse
gegen das Mubarak-Regime kämpft, den Vorwurf der Sozialkolportage
machen, könnte die beschriebenen Missstände, die sexuelle
Gewalt gegenüber Frauen, die Chancenlosigkeit der Unterschicht,
die Korruption und Gewissenlosigkeit der Oberschicht, die Käuflichkeit
der Politiker, die grauenhaften Folter- und Vergewaltigungsszenen in
ägyptischen Gefängnissen (Zwischenfrage: Warum macht eigentlich
überhaupt noch jemand in solchen Ländern Urlaub?) für
übertrieben und zur Erklärung des islamistischen Terrorismus
wenig dienlich halten. Man kann den sozialen Realismus solcher Lebensbilder
ästhetisch für überholt, die beschriebene Kausalität
zwischen Armut, Willkürherrschaft und religiöser Radikalisierung
für zu einseitig und überhaupt den ganzen Roman für politisch
hausbacken halten. Doch drastische Verhältnisse verlangen nach
drastischen Darstellungen, im Dreißigjährigen Krieg wurden
keine Duineser Elegien geschrieben, und Folterstaaten generieren
keine Popromane.
Der vielleicht allzu verständliche Realismus dieses arabischen
Bestsellers korrespondiert mit den nur allzu verständlichen elenden
Existenzbedingungen, die er lebendig werden lässt. Taha nimmt als
Student an einer Demonstration gegen den Golfkrieg teil (der sei »Mord
an den muslimischen Brüdern und Schwestern im Irak«), wird
verhaftet und grausam gefoltert. Der Schalter, der sich in seinem Kopf
umlegt, hört auf den Namen Rache. Er stirbt bei seinem ersten terroristischen
Einsatz, weil er vor seinem Opfer zu lange stehen bleibt, um es »verenden
zu sehen«.
Das Problem islamischer Gesellschaften, das suggeriert der Roman, ist
nicht der religiöse Fanatismus. Das Problem sind die Ursachen,
die ihn konditionieren. Wer den Terror zur anthropologischen Konstante
erklärt, kann ihn nur noch militärisch bekämpfen oder
resignieren. Wer wie al-Aswani versucht, im terroristischen Täter
auch das Opfer zu sehen, hat Hoffnung.
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