Tages-Anzeiger
19. Juni 2002
»Verreckt, zermalmt, zerfetzt,
vergessen«
Das Grauen des Ersten Weltkriegs: Der Memoiren-Roman Die rote
Lilie von Blaise Cendrars.
Von Gérald Froidevaux
Der Krieg ist ein Chaos, eine Anhäufung von Zufällen, ein sinn-
und zwecklos irres Treiben: »Man geht, man schubst, man stürzt,
man krepiert, man steht wieder auf, man marschiert und fängt wieder
von vorne an.« Das schrieb Blaise Cendrars, der es als direkt Beteiligter
nur zu gut wissen konnte. Es ist in seinem schonungslosen, packenden Buch
über den Ersten Weltkrieg eine der wenigen Stellen, wo sich der Autor
zu einer allgemeinen Betrachtung über den Krieg hinreissen lässt.
Als er 1944 bis 1946 diesen Band seiner Memoiren niederschrieb, lagen die
Ereignisse bereits rund drei Jahrzehnte zurück. Aber ihre Folgen spürte
er jeden Augenblick: Denn was immer er zu Papier brachte, schrieb er mit
der linken Hand. Im September 1915 hatte ihm an der nordfranzösischen
Front eine Granate den rechten Arm weggerissen. Fortan war er ein Kriegsversehrter,
der einarmige Dichter, der seine Briefe krakelig mit der Grussformel »ma
main amie« abschloss.
Die Amputation erkannte er als symbolische Kastration, als Bruch auch in
seiner literarischen Existenz, als Beginn eines neuen Menschen und Dichters.
Der gefeierte Avantgardepoet wandte sich von seinen jungen Bewunderern ab,
kehrte der Poesie den Rücken. Er begann, Erzählungen zu schreiben,
Reportagen, Romane, Reiseberichte, in einer ruhelosen, hastigen, unbezähmbaren
Sprache, als müsste er das Leben direkt aufs Papier bannen. So verfasste
er dann später auch sein Hauptwerk, die vier Memoiren-Romane, in denen
er sein bewegtes Leben erzählte oder vielmehr: noch einmal lebte.
Blaise Cendrars, eigentlich Freddy Sauser, 1887 in La Chaux-de-Fonds geboren,
liess sich bei Kriegsbeginn als Freiwilliger in die französische Armee
eingliedern und befehligte als Korporal ein knappes Jahr lang, bis zu seiner
Verwundung, einen zusammengewürfelten Trupp der Fremdenlegion. Hautnah
erlebte er jenen hässlichen, schmutzigen, alltäglichen Krieg der
Schützengräben, den er dann in seinem Buch Die rote Lilie beschrieb: den Krieg von unten.
La Main coupée ist der zweite Band von Cendrars’ Tetralogie,
von der bereits zwei in der hervorragenden Übersetzung von Giò
Waeckerlin Induni vorliegen (Bourlinguer, deutsch Auf
allen Meeren; L’Homme foudroyé, deutsch Die
Signatur des Feuers); der letzte (Le Lotissement du ciel) wird gewiss folgen. In der Roten Lilie müsste, so erwartet
man es, die einschneidendste Episode seines Lebens, der Verlust der Hand,
die Hauptrolle spielen. Allein, genau dieses Ereignis lässt Cendrars
aus.
Der einarmige Dichter
Ein einziges, kurzes Kapitel kann man als Anspielung auf das traumatische
Erlebnis lesen. Eines halbwegs ruhigen Morgens ergreift die Soldaten das
nackte Entsetzen: Vor sich, im morastigen, von unzähligen Einschlägen
zerfurchten Feld, erblicken sie »eine grosse, verwelkte Blume im Gras,
eine rote Lilie, einen blutüberströmten, menschlichen Arm, einen
oberhalb des Ellbogens abgetrennten Arm, dessen noch lebende Hand mit den
Fingern in der Erde wühlte, als wollte sie sich verwurzeln, und deren
blutiger Stengel erzitternd sanft wippte, bis er im Gleichgewicht war«.
Wie erzählt man vom Krieg, ohne diesen zur Saga zu stilisieren oder
zum Gemälde zu verklären? Cendrars, einer der fesselndsten Geschichtenerzähler
seiner Zeit, reiht einzelne Schicksale aneinander: Da ist Rossi, der Vielfrass,
der in seiner Ecke bei einer einsamen Mahlzeit von einer Granate zerfetzt
wird. Lang, der Schönling, den eine Bombe in die Luft reisst und von
dem nur der unverkennbare Schnurrbart übrig bleibt. Garnero, den seine
Kameraden blutüberströmt auf dem Schlachtfeld begraben und den
Cendrars zehn Jahre später in Montmartre wiedertrifft: ein Wiederauferstandener,
wundersam Geretteter.
Es sind einige von Millionen Soldaten; Cendrars schildert sie als Menschen
mit Gewohnheiten und Ängsten, jeden mit seinem ganz eigenen Schicksal.
Kaum einer bleibt unversehrt: »Alle für nichts und wieder nichts
gestorben, alle gefallen, verreckt, zermalmt, vernichtet, zerfetzt, vergessen.«
Es gibt viele Bücher über den Ersten Weltkrieg. Wenige scheinen
so nah an der Realität wie Die rote Lilie.
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