Tages-Anzeiger
24.11.2000
Zwei Frauen und ein Ford auf Reise
Von Christa Baumberger
"Alle Wege sind offen«: 1939 reisten Annemarie Schwarzenbach
und Ella Maillart auf dem Landweg nach Afghanistan. Ein abenteuerliches
Unternehmen. Eine spannende Lektüre.
"Von Balkh, dem alten Baktrien, führen die Strassen zum Oxus und
hinüber nach Turkestan, hinunter nach Kandahar, Kabul und Indien -
o Magie der Namen!", schreibt Annemarie Schwarzenbach im "Niemandsland
zwischen Persien und Afghanistan." Immer wieder lässt sie sich
von den fremd anmutenden Namen des Vorderen Orients verzaubern: "Namen
sind mehr als geografische Bezeichnungen, sind Klang und Farbe, Traum und
Erinnerung, sind Geheimnis, Magie."
Im Juni 1939 brechen die beiden mit ihrem Ford Roadster de Luxe, 18 PS,
auf: die Reiseschriftstellerin und Ethnologin Ella Maillart (1903-1997)
und die Journalistin und Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach (1908-1942).
Das Ziel ist Nuristan, eine abgelegene Gegend Afghanistans. Sie sind nicht
die ersten, die auf dem Landweg in den Orient und bis nach Indien wollen.
Bereits in den Dreissigerjahren hatte Robert Byron in seinem legendären
Buch "The Road to Oxiana" diese Route beschrieben, auf der in
den Siebzigerjahren dann die Blumenkinder dem Paradies Indien entgegenwandelten.
Doch was konnte der Grund sein für zwei Frauen, in politisch derart
unsicheren Zeiten eine solche Reise zu wagen?
Die Ethnologin Maillart wollte in Nuristan die einzigartige Kultur studieren.
Den Anstoss zu der Reise gab aber nicht nur das wissenschaftliche Interesse:
"Was macht die Politik? Aber wir sind vor der Politik davongelaufen!"
Zu einer Zeit, als die Zivilisation Europas drohte in einem Krieg unterzugehen,
trieb sie die Sehnsucht nach einem ursprünglichen, nomadischen Leben.
Und Schwarzenbach hoffte - nach einem längeren Drogenentzug - , mit
dieser Reise ihrem Leben wieder eine Struktur geben zu können: "So
scheint mir die Reise weniger ein Abenteuer und Ausflug in ungewöhnliche
Bereiche zu sein als vielmehr ein konzentriertes Abbild unserer Existenz."
Frühes Scheitern
Von Anfang an stand das Unternehmen unter dem Zeichen des Scheiterns: "Alle
Wege sind offen und führen nirgends hin, nirgends hin." Die hoffnungsvolle
Aufbruchsstimmung zerschlug sich schon bald. Als ebenso spannungsreich wie
das politisch und moralisch zerbrechende Europa erwies sich die Beziehung
der zwei Reisepartnerinnen. Schwarzenbach konnte ihr Leiden an der Existenz
nur mit Drogen mildern und besorgte sich bereits in Sofia Morphiumersatz.
Kaum in Afghanistan angekommen, trennten sich die beiden. Maillart ging
für mehrere Jahre nach Indien, um bei Ramana Maharsi zu meditieren;
Schwarzenbach kehrte nach Europa zurück.
Viel Text, viele Bilder
Die Reise ist in jeder Hinsicht gut dokumentiert: Ella Maillart verarbeitete
ihre Erfahrungen in einem Roman mit dem vieldeutigen Titel "The cruel
way" (Der grausame Weg), in dem Schwarzenbach unter dem Pseudonym Christina
auftaucht. Schwarzenbach selbst schrieb mehr als achtzig Artikel, die in
verschiedenen Schweizer Zeitungen und Magazinen erschienen. Daneben gibt
es eine Vielzahl von Fotografien und sogar achtzig Minuten Filmmaterial
von Maillart. Das abenteuerliche Unterfangen fasziniert heute noch: So arbeiten
die Schweizer Dokumentarfilmer Fosco und Donatello Dubini an einem Film
mit dem Titel "Die Reise nach Kafiristan", der im nächsten
Jahr in die Kinos kommen soll.
Der neue Band der Werkausgabe Annemarie Schwarzenbachs präsentiert
nun eine kleine Auswahl ihrer vielen Artikel zu der Reise. Wobei Artikel
die falsche Bezeichnung ist: Die Texte sind schwer einzuordnen, sie oszillieren
zwischen journalistischen Reportagen, Reisefeuilletons und Prosaerzählungen.
Die nach Themen geordnete Textsammlung zeigt, mit welch wachem, präzisem
Blick die Autorin das Fremde wahrnahm. Ihre Leidenschaft galt radikal der
Realität. So versuchte sie beispielsweise hartnäckig, das hinter
Schleiern verborgene Leben der islamischen Frauen zu ergründen. Doch
anstelle eines tieferen Verständnisses für die fremde Kultur findet
sie sich immer wieder zurückgeworfen auf sich selber. Gerade die Landschaftsbeschreibungen
werden so zu einem Spiegel ihrer inneren Bedrängnis. In ihnen wird
spürbar, mit welcher Radikalität hier jemand nach sich selbst
und nach einem Ausdruck für den Zustand der Welt suchte. So wird die
Beschreibung eines Gewitters zu einer apokalyptischen Vision: "Die
Luft war dünn und trocken. Ein heisser Wind erhob sich. Jetzt gab es
keine Bäume mehr, kein Gras, kein Feld, kein Dorf, keine Hütte,
keinen Zaun, kein Wasser. Die Erde wurde gelb. Der blasse Himmel senkte
sich plötzlich wie ein schwerer Baldachin, unter welchem alles Leben
erstickte."
Das Buch wäre allerdings nur halb so eindrücklich ohne die Fotos.
Sie belegen, wie sehr sich Schwarzenbach dem Sehen verschrieben hatte. Wie
der Herausgeber Roger Perret in seinem aufschlussreichen Essay betont, sind
es nur einige Kostproben aus dem reichen Fundus. Bleibt nur die Frage: Erscheint
der Fotoband noch vor dem Film? Man hofft es.
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